Gestern

«Das Aufkommen von Shoppingcentern war eine Begleiterscheinung des Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Massenmotorisierung der Mittelschicht und die daraus resultierende Suburbanisierung waren die entscheidenden Ausgangsphänomene dafür. Shoppingcenter stehen symbolisch für den Wandel vom Einkaufen als reine Bedürfnisbefriedigung zum Shopping als Freizeitaktivität. ln der Schweiz trat das Phänomen vergleichsweise spät auf, wie die Geschichte dieser neuen Bauaufgabe für die Wohlstandsgesellschaft zeigt.»

 

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz»

von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

Schönbühl – das

erste Shoppingcenter

der Schweiz

Es liegt mitten im Quartier – nur etwa 200 Meter vom See entfernt: Das Shopping-Center Schönbühl. Gebaut wurde das Center auf dem Land der alteingesessenen Luzerner Familie von

Schuhmacher. Damit betrat die Familie Neuland – bis dahin kannte man kein Shopping-Center in der Schweiz.

Beitrag des Schweizer Fernsehens zur Eröffnung des ersten Einkaufszentrums der Schweiz

Gespräch mit Fabian Furter, Architekturhistoriker

SRF, 3.11.2017

Am 16. November 1967 wurde das erste

Einkaufszentrum eröffnet. Initiant Felix von Schuhmacher musste dabei in einem Fernsehbeitrag erstmal erklären, was denn ein solches Shopping-Center ausmacht: «Die Läden müssen so angeordnet sein, dass der Kunde in einer voll klimatisierten Ladenstrasse von einem Laden zum anderen Flanieren können.» Neben dem Shopping wurde auch ein neues Hochhaus gebaut nach den Plänen des finnischen Stararchitekten Alvar Aalto. Dieses polarisierte aber im Quartier. «Unsere Anwohnerschaft ist sehr erregt, dass man ihnen nun eine Wand vor die Augen stellt», sagte der damalige Präsident des Quartiervereins, Jean Lipp. Jede Veränderung an den Plänen des Finnen sei aber eine «Entstellung eines Kunstwerks», hiess es von Seiten der Bauleitung. Schliesslich setzten sich die Befürworter durch und sowohl das Shopping Center wie auch das 16-stöckige Hochhaus wurden gebaut.

 

Quelle Text, Video, Bildmaterial: SRF, 3.11.2017

«Die Demografen propagierten in den 1960er-Jahren die

10-Millionen-Einwohner-Schweiz bis zur Jahrtausendwende. [...] Dass ihre Rechenmodelle falsch waren, wissen wir heute. Francesco Kneschaurek, Rektor der Hochschule St.Gallen, leitete die Perspektivstudien im Auftrag des Bundesrates.

Er sprach Jahre später von einem Fehler in Anbetracht der Auswirkungen seiner Prognosen, denn übermässige Baulandeinzonungen und überdimensionierte lnfrastrukturplanungen brachten vielerorts Gemeinden und Raumplanung in Verlegenheit. Die Auswirkungen davon sind bis heute zu spüren.

 

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz»

von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

1970:

In Spreitenbach

entsteht ein Paradies

Quelle: Comet Photo/ETH Zürich

Beitrag des Schweizer Fernsehens zur Eröffnung des Shoppingcenter Spreitenbach

«'Wir bauen ein Paradies' ln ganzseitigen Zeitungsinseraten wurde mit diesem Werbeslogan im Herbst 1969 für das erste grosse Einkaufszentrum in der Schweiz geworben. Spätestens seit das Shoppingcenter Spreitenbach am 12.März 1970 seine Tore geöffnet hatte, rückte ins kollektive Bewusstsein, was in der Hochkonjunkturschweiz die Attribute eines Paradieses waren: 1550 ebenerdige Gratisparkplätze, eine vollklimatisierte Ladenstrasse, 50 Detailhandelsgeschäfte, 7 Restaurants, 1 Kegelbahnen, 1 Hallenbad, 1 Springbrunnen und 1 ökumenischer Andachtsraum. Spreitenbach war ein Wurf, ein Riesen-erfolg, und es sollte nicht lange dauern, bis entlang der im Werden begriffenen Schweizer Autobahn eine ganze Reihe von Shopping Malls eröffnet wurden.[...]»

 

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz» von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

«In Anbetracht dessen, dass die Bildung von abnormen Center-Geschwüren unsere Lebensgestaltung einschneidend und zu unserem Nachteil verändert, darf sich die hier angebrachte Kritik nicht auf formale und wirtschaftliche Aspekte beschränken. Es ist schliesslich die Lebensqualität im umfassendsten Sinne, die empfindliche Einbussen erleidet.»

 

Quelle: «Shopping-Centers: Diagnose einer Krankheit». Das Werk – Architektur und Kunst. (60) 1973.

Autofreie Sonntage in der Schweiz. Bild: ETH Zürich

Kritik & Krise

Die zahlreichen Zentrumseröffnungen zwischen 1973 und 1975 gingen einher mit der Ölkrise und der darauffolgenden grossen Rezession. Die Grenzen des Wachstums wurden ein Jahr nach Erscheinen der gleichnamigen, aufsehenerregenden Studie des Club of Rome einer Gesellschaft vor Augen geführt, die da und dort das vernünftige Mass aus den Augen verloren hatte. 25 Aufschwungjahre hatten einer ganzen Generation das Urvertrauen in ein fortdauerndes Ansteigen des Lebensstandards geschenkt. Dieses wurde nun in den Grundfesten erschüttert. Nichts steht symbolhafter für diese Stimmung als die leergefegten Nationalstrassen an den autofreien Sonntagen, die im November 1973 vom Bundesrat sanktioniert wurden. Die Shoppingcenter-Eröffnungswelle ebbte nach 1975 ab und die Schweiz begann, die Errungenschaften der Boomjahre zu verdauen.

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz» von Patrick Schoeck und Fabian Furter.

Hier und Jetzt Verlag. 2014.

Der Zürcher Architekt und Kritiker prangerte 1973 in seinem wuchtigen Werk «Bauen als Umweltzerstörung» die Einkaufszentren als «Tempelbezirk der Konsumgesellschaft» an.

Das «Werk – Architektur und Kunst», Sprachrohr des Bundes Schweizer Architekten gehörte zu den vehementesten Gegnern der entstehenden Einkaufszentren.

Wie weiter?

Sind Shoppingcenter heute ein Auslaufmodell? Die Zahlen sagen Nein: Rund 17 Prozent des gesamten Detailhandelsumsatzes in der Schweiz werden in Shoppingcentern erwirtschaftet. Laut den Erhebungen des Marktforschungsinstituts GfK existierten 2013 in der Schweiz 169 Shoppingcenter mit mindestens 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Zur Jahrtausendwende waren es noch deren 110. 26 Zentren verfügen über mehr als 20'000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Zu den Branchenleadern bezüglich Grösse und Umsatz zählen nach wie vor die Pionierprojekte Shoppi-Tivoli, Glatt, Balexert und Shoppyland. Sie verfügen alle über mehr als 40'000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Die Sihlcity in Zürich und der Gäupark in Egerkingen gehören noch in diese Kategorie der Megacenter, zumindest für Schweizer Verhältnisse. [...]

Beachtlicher aber als die Zunahme an Zentren um 34 Prozent im Zeitraum von 2000 bis 2013 ist der Trend zu immer mehr Verkaufsflächen. Diese sind im gleichen Zeitraum um sagenhafte 88 Prozent angestiegen. Seit 2002 haben jährlich fünf Zentren eröffnet, und trotz Wehklagen über

eine spürbare Marktsättigung ist kein Ende des Trends absehbar.

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz» von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

Quelle: SRF Tagesschau, 8.11.2017

Die erste «Dead Mall» der Schweiz: Centro Ovale in Chiasso TI

2011 eröffnet, 2015 geschlossen.

Das neueste Einkaufszentrum der Schweiz: Mall of Switzerland in Ebikon LU.

Seit November 2011 offen.

«Man kann nur da entgegenwirken, wo man ein

Shoppingzentrum zu einem Treffpunkt der Region entwickelt. Und wie macht man das? Man muss die Leute dazu bringen, es toll zu finden. Das kann man mit Atmosphäre tun. Man muss sich das wie ein Wohnzimmer vorstellen. Es muss schön eingerichtet sein, damit man sich wohlfühlt. Da müssen in dem Wohnzimmer auch die richtigen Leute sein, die man treffen möchte. Und es muss auch immer wieder was Neues da sein, damit es eben auch spannend bleibt.»

 

Antwort von Jan Wengeler, Manager Mall of Switzerland, Ebikon LU, auf die Frage zu sinkenden Verkaufszahlen in Einkaufszentren.

SRF Tagesschau vom 8.11.2017

In der Mall der Zukunft ist Shopping (fast) nebensächlich

Regierungsrat, Gemeinderat und Centermanager eröffnen im November 2017  gemeinsam die Mall of SwitzerlandBand. Bild: Luzerner Zeitung

Bei Luzern entsteht eine gigantische Shopping-Mall. Doch mit einem breiten Warenangebot alleine lassen sich Kunden nicht mehr anlocken. Die Betreiber müssen umdenken.

Artikel aus der NZZ, 1.11.2017, von Erich Aschwanden und Daniel Gerny

Mit ihrer Fassade aus einer hinterleuchteten Kunststofffolie erinnert die Mall of Switzerland an ein riesiges Raumschiff, das sich in den Luzerner Vorort Ebikon verirrt hat. Ausserirdische Sensationen erwarten die Besucher hier ab dem 8. November nicht gerade. Doch «Einzigartiges, so weit das Auge reicht», versprechen die Promotoren des neusten Schweizer Shoppingcenters vollmundig. Nicht nur PR-mässig wird in der Zentralschweiz mit der grossen Kelle angerichtet. Mehr als 450 Millionen Franken hat der Staatsfonds Abu Dhabi Investment Authority in die Mall inves-tiert. Mit einer Gesamtfläche von 65 000 Quadratmetern ist nach dem Shoppi Tivoli (78'000 Quadratmeter) in einem gesichtslosen Gewerbegebiet das zweitgrösste Einkaufs-zentrum der Schweiz entstanden. Die Betreiber erwarten pro Jahr 4,5 bis 5 Millionen Besucher, das sind knapp 15 000 pro Tag. [...] Doch das Konzept der Mall of Switzerland zeigt auch, dass Besucherinnen

und Besucher mit einem umfassenden Shopping-Angebot alleine kaum mehr in genügender Zahl anzulocken sind. Der Detailhandel kämpft in der Schweiz generell

mit Problemen. In den Shoppingcentern ist der Umsatzrückgang besonders gross. Fast alle klassischen Einkaufszentren verzeichneten zwischen 2010 und 2017 Umsatzrückgänge.

 

Spass, Spannung und Shopping

 

Die Ebikoner Mall hat ihr Angebot deshalb von Anfang an gezielt diversifiziert: Neben den über 80 Geschäften sind ein Multiplexkino mit zwölf Sälen, ein Fitness- und Wellnessklub sowie die schweizweit erste stehende Indoor-Surfwelle entstanden. Mit einer ähnlichen Kombination aus Filmtheater, Einkaufserlebnis und Wellness macht man auch im Berner Westside positive Erfahrungen: Im vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind entworfenen Center befindet sich neben mehreren Kinos eine Erlebnis- und Wellness-Badelandschaft,

 

Einkaufen als Publikumsmagnet allein längst nicht mehr genügt. So erklärte ein Vertreter des Gewerbes bereits 2014, die Stadt Luzern müsse anders als Einkaufszentren ihre Kulisse nicht selber bauen. Diese Stärken müsse man in

Zukunft besser ausspielen. Allerdings hat man den Eindruck, dass in dieser Hinsicht noch nicht allzu viel passiert ist. Doch ab dem 8. November steht die Konkurrenz nun definitiv vor der Stadtgrenze.

Artikel aus der NZZ, 1.11.2017, von Erich Aschwanden und Daniel Gerny

Mit Events und Erlebnissen wollen Shoppingcenter die Konsumierenden in die Malls locken. Da bedient man sich gerne auch mal aktuellen Themen wie dem Feminismus beispielsweise.

Influencer kurbeln das Geschäft an!

Quelle: Glatt.ch

die für Kundenfrequenz und eine gute Durchmischung der Besucher sorgen soll. Im Vergleich zu 2010 sind die Umsätze im Westside gestiegen, wenn auch auf tiefem Niveau.

Weg vom Einkaufszentrum – hin zum umfassenden Unterhaltungs- und Freizeitangebot: Darauf setzt man in Zukunft auch im Basler Stücki-Zentrum: Das Center am Rande der Stadt kündigte sich 2009 mit ähnlich vollmundigen Versprechungen an wie die Mall of Switzerland: Die besten Brands aus allen Bereichen sollten jeden Tag bis zu 25 000 Kunden anziehen, erhofften sich die Betreiber damals. Doch praktisch vom ersten Tag an herrschte in den Hallen gähnende Leere. Die Ladenbetreiber beklagten sich und suchen inzwischen das Weite: Erst vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Media-Markt die Mall verlässt – in den Anfängen einer der Ankermieter und Hauptattraktionen vor Ort. Die anvisierte Kundenzahl im Stücki wurde nicht einmal annähernd erreicht: Die Rede ist von

deutlich weniger als 10 000 Besuchern pro Tag. «Suchst du Ruhe? Geh ins Stücki», lautet inzwischen ein Basler Bonmot.

 

Stärken der Innenstädte nutzen

 

Jetzt ziehen die Betreiber die Notbremse und ändern das Konzept: Die Ladenfläche wird um mehr als zwei Drittel reduziert. Stattdessen planen die Verantwortlichen ein Multiplexkino mit 18 Sälen. Auch der Gastro-, Wellness- und Fitness-Bereich soll gestärkt werden, wie Mladen Tomic von der Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site auf Anfrage erklärt. Mitte November soll im Detail über das Projekt informiert werden, doch die Stossrichtung ist klar: «Um ein klassisches Einkaufszentrum

handelt es sich beim Stücki bald nicht mehr», sagt Tomic. Weniger Waren - mehr Erlebnis, heisst das Rezept, von dem sich immer mehr Shoppingcenter den Erfolg für die Zukunft erhoffen. Insofern unterscheiden sie sich gar nicht so stark von den Innenstädten, in denen

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«Das Aufkommen von Shoppingcentern war eine Begleiterscheinung des Wirtschaftswachstums nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Massenmotorisierung der Mittelschicht und die daraus resultierende Suburbanisierung waren die entscheidenden Ausgangsphänomene dafür. Shoppingcenter stehen symbolisch für den Wandel vom Einkaufen als reine Bedürfnisbefriedigung zum Shopping als Freizeitaktivität. ln der Schweiz trat das Phänomen vergleichsweise spät auf, wie die Geschichte dieser neuen Bauaufgabe für die Wohlstandsgesellschaft zeigt.»

 

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz»

von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

«Die Demografen propagierten in den 1960er-Jahren die

10-Millionen-Einwohner-Schweiz bis zur Jahrtausendwende. [...] Dass ihre Rechenmodelle falsch waren, wissen wir heute. Francesco Kneschaurek, Rektor der Hochschule St.Gallen, leitete die Perspektivstudien im Auftrag des Bundesrates. Er sprach Jahre später von einem Fehler in Anbetracht der Auswirkungen seiner Prognosen, denn übermässige Baulandeinzonungen und überdimensionierte lnfrastrukturplanungen brachten vielerorts Gemeinden und Raumplanung in Verlegenheit. Die Auswirkungen davon sind bis heute zu spüren.

 

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz»

von Patrick Schoeck und Fabian Furter. Hier und Jetzt Verlag. 2014.

«In Anbetracht dessen, dass die Bildung von abnormen Center-Geschwüren unsere Lebensgestaltung einschneidend und zu unserem Nachteil verändert, darf sich die hier angebrachte Kritik nicht auf formale und wirtschaftliche Aspekte beschränken. Es ist schliesslich die Lebensqualität im umfassendsten Sinne, die empfindliche Einbussen erleidet.»

 

Quelle: «Shopping-Centers: Diagnose einer Krankheit». Das Werk – Architektur und Kunst. (60) 1973.

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz» von Patrick Schoeck und Fabian Furter.

Hier und Jetzt Verlag. 2014.

immer mehr Verkaufsflächen. Diese sind im gleichen Zeitraum um sagenhafte 88 Prozent angestiegen. Seit 2002 haben jährlich fünf Zentren eröffnet, und trotz Wehklagen über

eine spürbare Marktsättigung ist kein Ende des Trends absehbar.

Quelle: «Zwischen Konsumtempel und Dorfplatz – eine Geschichte des Shoppingcenters in der Schweiz» von Patrick Schoeck und Fabian Furter.

Hier und Jetzt Verlag. 2014.

Sind Shoppingcenter heute ein Auslaufmodell? Die Zahlen sagen Nein: Rund 17 Prozent des gesamten Detailhandelsumsatzes in der Schweiz werden in Shoppingcentern erwirtschaftet. Laut den Erhebungen des Marktforschungsinstituts GfK existierten 2013 in der Schweiz 169 Shop-pingcenter mit mindestens 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Zur Jahrtausendwende waren es noch deren 110. 26 Zentren verfügen über mehr als 20'000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Zu den Branchenleadern bezüglich Grösse und Umsatz zählen nach wie vor die Pionierprojekte Shoppi-Tivoli, Glatt, Balexert und Shoppyland. Sie verfügen alle über mehr als 40'000 Quadrat-meter Verkaufsfläche. Die Sihlcity in Zürich und der Gäupark in Egerkingen gehören noch in diese Kategorie der Megacenter, zumindest für Schweizer Verhältnisse. [...] Beachtlicher aber als die Zunahme an Zentren um 34 Prozent im Zeitraum von 2000 bis 2013 ist  der Trend zu

«Man kann nur da entgegenwirken, wo man ein Shoppingzentrum zu einem Treffpunkt der Region entwickelt. Und wie macht man das? Man muss die Leute dazu bringen, es toll zu finden. Das kann man mit Atmosphäre tun. Man muss sich das wie ein Wohnzimmer vorstellen. Es muss schön eingerichtet sein, damit man sich wohlfühlt. Da müssen in dem Wohnzimmer auch die richtigen Leute sein, die man treffen möchte. Und es muss auch immer wieder was Neues da sein, damit es eben auch spannend bleibt.»

 

Antwort von Jan Wengeler, Manager Mall of Switzerland, Ebikon LU, auf Frage zu sinkenden Verkaufszahlen in Einkaufszentren.

SRF Tagesschau vom 8.11.2017

Mit ihrer Fassade aus einer hinterleuchteten Kunststofffolie erinnert die Mall of Switzerland an ein riesiges Raumschiff, das sich in den Luzerner Vorort Ebikon verirrt hat. Ausserirdische Sensationen erwarten die Besucher hier ab dem 8. November nicht gerade. Doch «Einzigartiges, so weit das Auge reicht», versprechen die Promotoren des neusten Schweizer Shoppingcenters vollmundig. Nicht nur PR-mässig wird in der Zentralschweiz mit der grossen Kelle angerichtet. Mehr als 450 Millionen Franken hat der Staatsfonds Abu Dhabi Investment Authority in die Mall investiert. Mit einer Gesamtfläche von 65 000 Quadratmetern ist nach dem Shoppi Tivoli (78'000 Quadratmeter) in einem gesichtslosen Gewerbegebiet das zweitgrösste Einkaufszentrum der Schweiz entstanden. Die Betreiber erwarten pro Jahr 4,5 bis 5 Millionen Besucher, das sind knapp 15 000 pro Tag. [...] Doch das Konzept der Mall of Switzerland zeigt auch, dass Besucherinnen und Besucher mit

einem umfassenden Shopping-Angebot alleine kaum mehr in genügender Zahl anzulocken sind. Der Detailhandel kämpft in der Schweiz generell

mit Problemen. In den Shoppingcentern ist der Umsatzrückgang besonders gross. Fast alle klassischen Einkaufszentren verzeichneten zwischen 2010 und 2017 Umsatzrückgänge.

 

Spass, Spannung und Shopping

 

Die Ebikoner Mall hat ihr Angebot deshalb von Anfang an gezielt diversifiziert: Neben den über 80 Geschäften sind ein Multiplexkino mit zwölf Sälen, ein Fitness- und Wellnessklub sowie die schweizweit erste stehende Indoor-Surfwelle entstanden. Mit einer ähnlichen Kombination aus Filmtheater, Einkaufserlebnis und Wellness macht man auch im Berner Westside positive Erfahrungen: Im vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind entworfenen Center befindet sich neben mehreren Kinos auch eine Erlebnis- und Wellness-Badelandschaft, die für Kundenfrequenz und

 

eine gute Durch-mischung der Besucher sorgen soll. Im Ver-gleich zu 2010 sind die Umsätze im Westside gestiegen, wenn auch auf tiefem Niveau. Weg vom Einkaufszentrum – hin zum umfas-senden Unterhaltungs- und Freizeitangebot: Darauf setzt man in Zukunft auch im Basler Stücki-Zentrum: Das Center am Rande der Stadt kündigte sich 2009 mit ähnlich voll-mundigen Versprechungen an wie die Mall of Switzerland: Die besten Brands aus allen Bereichen sollten jeden Tag bis zu 25 000 Kunden anziehen, erhofften sich die Betreiber damals. Doch praktisch vom ersten Tag an herrschte in den Hallen gähnende Leere. Die Ladenbetreiber beklagten sich und suchen inzwischen das Weite: Erst vor zwei Wochen wurde bekannt, dass Media-Markt die Mall verlässt – in den Anfängen einer der Ankermieter und Hauptattraktionen vor Ort. Die anvisierte Kundenzahl im Stücki wurde nicht einmal annähernd erreicht: Die Rede ist von deutlich

weniger als 10 000 Besuchern pro Tag. «Suchst du Ruhe? Geh ins Stücki», lautet inzwischen ein Basler Bonmot.

 

Stärken der Innenstädte nutzen

 

Jetzt ziehen die Betreiber die Notbremse und ändern das Konzept: Die Ladenfläche wird um mehr als zwei Drittel reduziert. Stattdessen planen die Verantwortlichen ein Multiplexkino mit 18 Sälen. Auch der Gastro-, Wellness- und Fitness-Bereich soll gestärkt werden, wie Mladen Tomic von der Immobiliengesellschaft Swiss Prime Site auf Anfrage erklärt. Mitte November soll im Detail über das Projekt informiert werden, doch die Stossrichtung ist klar: «Um ein klassisches Einkaufszentrum

handelt es sich beim Stücki bald nicht mehr», sagt Tomic. Weniger Waren - mehr Erlebnis, heisst das Rezept, von dem sich immer mehr Shoppingcenter den Erfolg für die Zukunft erhoffen. Insofern unterscheiden sie sich gar

 nicht so stark von den Innenstädten, in denen Einkaufen als Publikumsmagnet allein längst nicht mehr genügt. So erklärte ein Vertreter des Gewerbes bereits 2014, die Stadt Luzern müsse anders als Einkaufszentren ihre Kulisse nicht selber bauen. Diese Stärken müsse man in

Zukunft besser ausspielen. Allerdings hat man den Eindruck, dass in dieser Hinsicht noch nicht allzu viel passiert ist. Doch ab dem 8. November steht die Konkurrenz nun definitiv vor der Stadtgrenze.